Industrie 4.0, Internet der Dinge, Analytics, Digitale Transformation, Agiles Arbeiten, Smart Home oder Big Data. Die vielen Begriffe im digitalen Umfeld sind schick. Sie werden unentwegt in der Politik, den Medien und in Unternehmen hoch und runter zitiert. Der Branchenprimus Google verzeichnet alleine beim Begriff „Industrie 4.0“ rund 27 Millionen Treffer.

Bei dieser Masse an Suchergebnissen und dem damit verbundenen inflationären Gebrauch fällt es schwer zu sagen, was heute leere Worthülsen sind und was inhaltlich fundiert ist. Mit dieser Fülle an Wortkreationen geht auch eine gewisse Ratlosigkeit einher. Darauf verweist der IT-Visionär und kritische Denker Adam Greenfield in seinem gerade erschienenen Buch „Radical Technologies: The Design of Everyday Life“. Denn wir verstehen kaum noch etwas von den komplexen technischen Systemen, die unseren Alltag heute gestalten und teilweise bestimmen. 

 

Und hierbei geht es dem Autor weniger um eine Überforderung bei der Bedienung, sondern um die Diskrepanz zwischen der digitalen Welt als Geheimwissenschaft und der nahtlosen und praktischen Vernetzung, mit der jedermann umgehen muss. Abhängig von unserem Standort empfiehlt uns Google ein Restaurant um die Ecke, obwohl wir gar keinen Hunger haben. Intelligente Geräte suggerieren uns zu wissen, was ich will und wann ich in welcher Intensität Sport treiben soll.

 

Unser Smartphone schlägt uns schon mal die optimale Route vor, bevor wir überhaupt selber wissen, wo wir als nächstes hinwollen. Intelligente Werbeflächen erfassen Alter und Geschlecht der vorbeilaufenden Menschen, senden individualisierte Werbung und erfassen die Reaktion – sei es im Supermarkt, am Bahnhof oder in der Fast-Food-Kette. Nahezu jedes Objekt kann in Echtzeit Informationen liefern. Diese schöne digitale Welt zeigt, dass Internet und Digitalisierung bereits heute fast alle Bereiche des menschlichen Lebens durchdringen. Das Ergebnis dieser hypermobilen 24/7-Gesellschaft: Eine radikale Veränderung von Gesellschaft, Ökonomie und Kultur.

 

Die dunklen Seiten der digitalen Welt

 

Bereits Goethe lässt seinen Götz von Berlichingen sagen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Und dies gilt im Besonderen auch für unsere hyperkonnektive, datenbasierte Welt. Basierend auf dem jährlich veröffentlichten Allianz Risk Barometer stehen Cyberrisiken in Deutschland und Großbritannien auf dem Spitzenplatz der Risikolandkarte. In Europa insgesamt und in den USA stehen Cyberrisiken an zweiter Stelle, überholt von Betriebsunterbrechungsrisiken. Doch auch diese können nicht nur durch Feuer, eine Explosion oder in der Folge einer Naturkatastrophe verursacht werden. Neue Auslöser wie beispielsweise Cyberangriffe und geopolitische Risiken treten auch hier immer stärker in den Mittelpunkt. Und die digitale Vernetzung von Unternehmen, Lieferketten und Maschinen verstärkt die Auswirkungen von Betriebsunterbrechungen, da sie sich wie eine Dominorallye von einem Unternehmen aus rasant und großflächig über Regionen oder Branchen ausbreiten und vielerorts Schäden verursachen können. Und auch diese Szenarien bilden nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Risikolandkarte ab.

 

Vielfach Überforderung mit einem komplexen Thema

 

Laut einer aktuellen Studie zum Thema Cybersicherheit der globalen Risikomanagementberatung Control Risks fühlen sich viele Führungskräfte angesichts der Risiken aus dem Cyberspace überfordert. Die weltweit durchgeführte Umfrage unter Führungskräften und IT-Entscheidern ergab, dass fast die Hälfte der Befragten davon überzeugt ist, die Führungsetage ihres Unternehmens würde Cyberrisiken nicht ernst genug nehmen.

Gut 31 Prozent der Befragten gaben zudem an, sehr oder sogar extrem besorgt zu sein, ihr Unternehmen könne im Laufe des nächsten Jahres Opfer einer Cyberattacke werden. Bei einem Drittel (34 Prozent) der Unternehmen sei jedoch kein Krisenmanagement-Plan für den Fall eines Cyberangriffs vorhanden. Angesichts des bis dato schwersten Malware-Angriffs vom 12. Mai 2017, der WannaCry-Ransomware-Attacke, bei der in weniger als 12 Stunden 150 Länder betroffen waren, ist dieser Mangel an Vorbereitung erstaunlich und alarmierend.

 

Komplexe Cyberrisiken erfordern ein Umdenken

 

Technische Lösungen, Firewalls und herkömmliche Antiviren-Software alleine reichen nicht mehr aus, um Unternehmen lückenlos zu schützen. In diesem Kontext weist Peter Rost, Rohde & Schwarz Cybersecurity, in einem Gastbeitrag auf dem Kompetenzportal RiskNET darauf hin, dass wir uns beim Autofahren schon lange nicht mehr mit einem Airbag alleine zufrieden geben. „Wir kaufen Autos mit Electronic Stability Control (ESP), um aktiv Unfälle zu verhindern statt sie nur zu lindern, wenn sie schon eingetreten sind“, so der Cyberrisiko-Profi weiter. Experten sind davon überzeugt, dass der Schlüssel zur Vermeidung von Angriffen in einem sicheren Betriebssystem liegt. Deshalb basieren neue Sicherheitskonzepte auf dem präventiven Ansatz „Security by Design“. „Die Sicherheit wird dabei direkt während der Entwicklung in das Betriebssystem integriert. Der Vorteil: Statt einer Analyse und Bekämpfung von sich stets weiterentwickelnden Angriffsformen wie zum Beispiel Zero day Exploits, wird die Angriffsfläche reduziert beziehungsweise entfernt“, so Peter Rost.

 

In einer Generation Y, Generation Nintendo, Net Generation, Generation@ oder Digital Natives, die bereits im Baybstrampler das Babyfon gegen ein Smartphone tauschen, werden diese technologischen Lösungen nicht ausreichen. Nutzer müssen auch ihr Nutzerverhalten überdenken und vielleicht von Zeit zu Zeit mal eine Smartphone-Diät einlegen. Ich persönlich konnte das im vergangenen Jahr über viele Wochen in der Wildnis Kanadas testen. Erst nach einer solchen Diät wird einem bewusst, dass wir mit vielen unsinnigen Reizen und ständigen Informationen, mit Texten, Bildern und Videos überfordert werden und permanent gestresst sind. Und vielen Menschen fällt es immer schwerer, sich auf eine Sache zu konzentrieren, da wir immer gerade woanders sind. Und der schöne Nebeneffekt: In der funkfreien Wildnis können die Datensammler keinerlei Bewegungsdaten sammeln oder mich mit der neuesten Shoppingempfehlung nerven. Dem Grizzlybär ist das wohl egal. Für mich war es eine Wohltat.

 

Denn merke: Hinter der scheinbaren Einfachheit der mobilen Vernetzung und kommerziellen Sensor-Welt lauert – basierend auf einer tiefen Ahnungslosigkeit – eine bunte und extrem komplexe Risikolandkarte. Diese betrifft uns als Individuen, Unternehmen als komplexe Systeme, unsere Gesellschaft als Ganzes und auch die globale Weltordnung. Und diese digitale Welt wird komplex und komplexer. Das macht neue Denkansätze unerlässlich.

 

 

Autor:

Frank Romeike, geschäftsführender Gesellschafter RiskNET GmbH

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